Der heilige Hieronymus ist durchaus ein ungewöhnlicher Patron für ein Priesterseminar, das gilt sowohl der Häufigkeit dieses Patronats nach, als auch von der Person selbst her. Denn die Person  dieses heiligen Kirchenlehrers ist facettenreich und sperrig.

Geboren im dalmatischen Stridon, wohl im Jahr 347, ist das Leben von Hieronymus von früh an bestimmt von zwei großen Leidenschaften: seiner Liebe zur Wissenschaft, zu den großen Gelehrten und Philosophen der Antike auf der einen Seite, und seiner Faszination durch die Heilige Schrift, die Konzentration auf Christus allein auf der anderen Seite. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich sein Leben, und nimmt immer wieder dramatische Wendungen: Wir finden ihn in Rom zum Studium der Grammatik, der Rhetorik und der Philosophie – das war seine wilde Studentenzeit - , in Antiochien zum Bibel- und Hebräischstudium, in Konstantinopel als Schüler des Gregor von Nazianz. Dann ist er in Trier, wo er Feuer fängt für ein Leben als Mönch, in Aquileia, um sich dort mit Freunden zu einem geistlichen Zirkel in Meditation und Askese zusammenzufinden, und in der Wüste von Chalkis, um als Einsiedler ganz allein mit Gott zu leben. Nach seiner Priesterweihe in Antiochien fuhr er 382 mit seinem Bischof nach Rom. Dort wurde er Sekretär des Papstes Damasus (366-384), der ihn mit seinem größten Werk beauftragte: die lateinische Bibel zu revidieren. Diese Übersetzung der sog. „Vulgata“ beschäftigte Hieronymus die nächsten 20 Jahre, und hat seinen Namen für immer mit der Heiligen Schrift verbunden.  Da er die Position in er Nähe des Papstes zu  nutzen verstand, sahen viele in ihm den nächsten Papst, was ihm zusammen mit seinen harten asketischen Forderungen, seiner Spottlust, seinem Argwohn und seinem zänkischen Charakter viel Feindschaft eintrug. Nach Damasus’ Tod musste er Rom verlassen, und erreichte das Ziel seiner vielen Wanderungen; er zog nach Bethlehem.

Dort hatte er die literarisch fruchtbarste Zeit seines Lebens, in Gebet und Bibelstudium wohnte er in unmittelbarer Nähe der Geburtskirche. „Die Schrift nicht kennen, heißt Christus nicht kennen“, dieses berühmte Wort von ihm kennzeichnet nun vollends sein Leben. In Bethlehem starb Hieronymus 419 oder 420.

In einer Lebensbeschreibung heißt es: „Dieser Mensch ist umso ergreifender, als er entwaffnet, weil er seine Fehler nicht verbirgt. Er hat nichts von klerikaler Salbung. Bei ihm hat der Glaube nicht den Menschen verdrängt. Es gibt kaum eine Persönlichkeit, die kantiger gemeißelt wäre, mit einem ausgeprägteren Profil, mit einer bissigeren Ausdrucksweise. Gott kann zum Feuermachen alles Holz brauchen. Er wird in dem Asketen von Bethlehem auf seine Rechnung gekommen sein“ (Hamman/Fürst: Kl. Geschichte der Kirchenväter. Freiburg 2004, 181)

Welch guter Patron für ein Priesterseminar!