Interview mit Deutschland Radio Kultur – 23.01.2010

"Wir wollen Priester und wir brauchen sie"

Regens Martin Straub beklagt Mangel an Nachwuchs in den deutschen Priesterseminaren Regens Martin Straub im Gespräch mit Thorsten Jabs

In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Priesteramtskandidaten zurückgegangen, sagt Martin Straub, Regens des Priesterseminars St. Hieronymus in Augsburg. Ein Grund sei, dass es immer weniger Familien gebe, "die ein Glaubensleben führen".

Thorsten Jabs: Wenn man sich einige Statistiken zum Thema Berufswunsch anschaut, dann wird schnell klar: Einige Berufe wie Feuerwehrmann liegen noch immer weit vorn, dazu kommen zum Beispiel Polizist oder Profifußballer. Katholischer Priester werden zu wollen, daran denken wohl eher die wenigsten Jungen vor der Pubertät. Doch auch danach scheinen immer weniger junge Männer diesen Wunsch zu haben. Nach Angaben der Deutschen Regentenkonferenz, dem Zusammenschluss der Priesterseminare, haben sich 1998 noch 1200 Männer in Deutschland auf den Priesterberuf vorbereitet, inzwischen sind es nur noch 840, ein neuer Tiefststand. Über die Gründe und die Folgen spreche ich mit Martin Straub, Regens des Priesterseminars St. Hieronymus in Augsburg. Guten Tag, Herr Straub!

Regens Martin Straub: Guten Tag, Herr Jabs!

Jabs: Herr Straub, ist der Priesterberuf out, wie man es in etwas jugendlicherer Sprache sagen würde?

Straub: Wir stellen tatsächlich einen Rückgang der Priesteramtskandidaten in den letzten Jahren fest, wobei wir auch sehen, dass sich in den vergangenen zehn Jahren die Zahlen auch wieder stabilisiert haben. Wenn Sie gerade die Periode 1999 bis 2009 ansprechen, so ist im Bistum Augsburg der Stand an Priesteramtskandidaten nahezu gleichen geblieben; nämlich ca. 60 junge Männer, die sich auf das Priestertum im Studium und in der praktischen Ausbildung in den Pfarreien vorbereiten. Insgesamt ist jedoch die Tendenz wahrzunehmen, dass die Zahlen der Priesteramtskandidaten rückläufig sind, das bedrückt uns.

Jabs: Welche Gründe sehen Sie dafür?

Straub: Die Priesterberufung steht in einer direkten Beziehung zum geistlichen Leben der jungen Leute, auch zur geistlichen und religiösen Praxis der Gemeinden, und da zeigt sich auch in diesem Zeitraum ein deutlicher Rückgang an Glaubenspraxis, besonders was die sonntägliche Mitfeier der Gottesdienste betrifft. Wenn wir die Zahl der Gottesdienstbesucher betrachten, dann stellen wir sogar fest, dass wir derzeit relativ gesehen mehr Priester und Priesteramtskandidaten haben als wie vor 20 oder 30 Jahren. Insofern ist die Frage nach der Glaubenspraxis der Kirche im Ganzen relevant. Es verwundert nicht, dass Priesteramtskandidaten nur dort hervorgehen, wo Familien da sind, die ein Glaubensleben führen.

Jabs: Hat es auch etwas damit zu tun, dass das Damoklesschwert Zölibat über dem Priesterberuf hängt?

Straub: Das entspricht nicht unserer Erfahrung. Das Thema Zölibat ist immer ein Thema im Priesterseminar, ganz gewiss, aber nicht im Sinne einer politischen Frage. Es ist eine ganz persönliche Fragestellung. Das Zölibat bedeutet, sich damit zu konfrontieren, ob man in die Lebensform Jesu hineinfinden kann und für Gott und für die Menschen ganz ausschließlich sein Leben und seinen Dienst gestalten will.

Jabs: Sie sprechen von einer persönlichen Frage. Haben Sie den Eindruck, dass die sexuelle Enthaltsamkeit die jungen Männer heutzutage mehr abschreckt als zum Beispiel vor fünf oder vor zehn Jahren?

Straub: Das Zölibat war immer schon ein starkes Thema in der Priesterberufung, weil es herausfordert, weil es die Frage provoziert: ist Gott und die Kirche für mich eine erlebte Realität, auch auf der Beziehungsebene? Priester sein heißt ja nicht, beziehungslos zu leben, sondern eben auf die Gottesbeziehung sein Leben zu bauen und in der Gemeinschaft der Kirche ein familiäres, beziehungsreiches Dasein anzustreben. Die Zölibatsfrage ist eng verbunden mit der Berufungsfrage: Will ich Jesus in dieser Lebensform folgen?

Jabs: Welche Folgen hat der Mangel an Nachwuchs konkret? Ist zum Beispiel die Gefahr größer geworden, Bewerber anzunehmen, die vielleicht gar nicht so für den Priesterberuf geeignet sind?

Straub: Die Statistiken, die Sie anfangs genannt haben, zeigen, dass die Regenten der Priesterseminare dem Druck des Priestermangels nicht in der Weise nachgeben, dass sie die strengen Kriterien zurücknehmen, d.h. die Eingangskriterien für die Aufnahme der Priesterausbildung. Es ist ganz klar, wir dürfen die Kriterien nicht aufgrund des Priestermangels modifizieren. Es werde auch weiterhin hohe Ansprüche an die Kandidaten gestellt, denn die Aufgabe der geistlichen Leitung, die dem Priester obliegt, ist anspruchsvoll und verlangt entsprechend geeignete, persönlichkeitsstarke und gut qualifizierte Männer.

Jabs: Hatten Sie in Ihrer Ausbildung auch manchmal Phasen, in denen Sie gezweifelt haben, in denen Sie am liebsten alles hinschmeißen wollten?

Straub: Diese Phasen gab es auf meinem Weg, und es gibt sie in der Berufungsfrage bei jedem Priesteramtskandidaten. Als Leiter des Priesterseminars mache ich mir umgekehrt Sorgen, wenn diese Fragen oder diese Krisen nicht kommen, denn in diesen Krisen klärt sich vieles. Die Berufsentscheidung wird nur dadurch stabil, wenn solche Krisen immer wieder neu durchgerungen werden.

Jabs: Wie sind Sie damit umgegangen?

Straub: Sehr wichtig ist, dass man mit diesen Fragen nicht allein bleibt, dass man mit geistlichen Begleitern regelmäßig darüber im Gespräch ist. Darin liegt auch der Sinn des Priesterseminars, dass die Priesteramtskandidaten nicht isoliert ihren Weg gehen, sondern in einer Gemeinschaft sich austauschen können und in der ganz persönlichen Gottesbeziehung, im Gebet, in der Stille ihre Fragen klären können.

Jabs: Und am Ende unseres Gesprächs kommen Sie wahrscheinlich aus professionellen Gründen schon zu dem Fazit: Out ist der Priesterberuf auf keinen Fall, oder?

Straub: Nein, man muss diese Zahlen im Kontext der Großwetterlage sehen, des Religiösen in unserer Gesellschaft überhaupt. Auch die Demografie spielt eine Rolle. Der Priesterberuf bleibt attraktiv und die Kirche bemüht sich, ihn neu ins Bewusstsein zu heben. Ich habe den Eindruck, dass die Frage nach der Bedeutung und dem Wert des Priestertums in der Kirche wieder neu gestellt wird, weil zunehmend die Erfahrung gemacht wird, dass sie fehlen und die Kirche neu zum Ausdruck bringen muss: wir wollen Priester und wir brauchen sie. Ich bin überzeugt, dass auch das Priesterjahr, das wir in der katholischen Kirche begehen, und indem das Gebet für die Priester und Priesteramtskandidaten besonders im Vordergrund steht, dass diese Initiative nicht wirkungslos bleiben wird.

Jabs: Herr Straub, vielen Dank für das Gespräch!

Straub: Gerne! Alles Gute, Gottes Segen!

Jabs: Über den Mangel an Nachwuchs in den deutschen Priesterseminaren waren das Einschätzungen von Martin Straub, dem Regens des Priesterseminars St. Hieronymus in Augsburg.